BILD
Montag, 21. August 1989, Seite 1-2

900 aus Ungarn raus
FREI! SIE KÜßTEN DIE ERDE
Sie drückten das Tor auf und gingen einfach weiter Ungarns Grenzsoldaten sahen zur Seite Größte Flucht seit dem Mauerbau

14.57 Uhr: Mit einem Schrei stoßen die ersten DDR-Flüchtlinge das
Holztor auf, Hunderte drängen nach. Dann rennen alle die letzten
Meter in die Freiheit nach Österreich. (Fotos: Klemens Beitlich)

Sopron - Sie drückten das hölzerne Tor auf, hakten sich unter, sangen "We shall overcome" ("Wir werden es schaffen"), stürmten in die Freiheit. Rund 700 DDR-Bürger rannten am Sonnabend einfach über die ungarische Grenze nach Österreich. Es war die spektakulärste Massenflucht von Ost nach West, die es je gegeben hat. Nach dem Durchbruch weinten viele Menschen, fielen sich in die Arme, einige knieten nieder, küßten die Erde. Die fünf ungarischen Grenzsoldaten, die den Abschnitt bewachten, hatten einfach weggesehen. Sonntag folgten wietere 200. Inzwischen sind die meisten bei uns, in Notaufnahmelagern oder bei Freunden. Zu den 2000 DDR-Bürgern, die in den letzten drei Wochen über Ungarn in den Westen geflohen sind, gehört auch Gerd Weber (33), einst erfolgreichster Fußballer der DDR, genannt "Breitner des Ostens".

Sie haben ihren "Trabi" einfach am Wegesrand stehenlassen, dann sind sie losgegangen, drei Kilometer. Kinder auf den Schultern, Hand in Hand, schweigend. Es war heiß und schwül, aber keiner murrte. Es ging immer nach Norden, da, wo die Freihet war, das Tor im Grenzzaun.


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Montag, 21. August 1989, Seite 2

Sie sind durch
25 Meter hinter dem Grenzzaun: Noch immer steht Angst und Unsicherheit in den Gesichtern, aber auch schon erstes Entspannen. Die Menschen schieben, drängen, rennen. Die meisten wissen noch nicht, daß sie schon auf österreichischem Boden sind Nur der junge Mann (links) ruft immer wieder: "Freiheit, Freiheit!"
Glückstränen
Drei DDR-Bürger haben soeben österreichischen Boden betreten, wochenlange Strapazen, die Angst, die Sorgen der letzten Stunden lösen sich: "Frei, mein Gott, frei!" Der Junge rechts kennt das Paar neben ihm nicht. Aber im Augenblick des Glücks haben die drei etwas gemeinsam - ihre Tränen.
(Fotos: Klemens Beitlich)

"Mein Gott, ich bin frei"

Sopron/St. Margarethen - Die Stimme von Jörg-Heiner (19), Kellner aus Leipzig, überschlägt sich: "Mein Gott, ich bin frei, frei, frei." Der junge Mann hat sich auf eine Wiese geworfen, küßt den Boden, weint, ringt nach Worten: "Ich hätte das nie für möglich gehalten", sagt er, "ein irres Gefühl - Freiheit."
Am Vormittag hatte sich herumgesprochen, daß bei einer Veranstaltung der "Paneuropa-Union" die Grenze zwichen Ungarn und Österreich für einige Stunden geöffnet werden sollte. Ulrike (20) aus Ost-Berlin: "Viele von uns glaubten an eine Falle des Stasi. Aber sie wagten es trotzdem." Über Wiesen, Äcker, holprige Feldwege strömt eine Menschenschlange Richtung Grenze. Die DDR-Bürger kommen mit der Bahn, in Omnibussen, laufen kilometerweit zu Fuß. Ihre Autos stellen sie am Straßenrand ab. Sie lassen alles zurück, was sie sich zusammengespart haben: Radios, Zeite, Schlafsäcke. Sie nehmen nur mit, was sie am Leib haben. Einer der Flüchtlinge: "Wir sind gelaufen, gelaufen. Wir haben gesagt, entweder wir schaffen's, oder wir schaffen's nicht... Ein Zurück gibt es nicht."


"Das ist ja irre - wir sind in Österreich"

Kurz vor 15 Uhr erreichen die ersten das wackelige, fünf Meter breite und 1,50 hohe Grenztor aus Holz und Stacheldraht. Fünf ungarische Grenzbeamte bewachen es. Es ist geschlossen. Eine Blaskapelle spielt in Österreich, Zuschauer drängen sich an beiden Seiten der Grenze. Plötzlich ein Aufschrei. 200 Flüchtlinge drücken die Grenzer zur Seite, stoßen das Grenzgatter auf, rennen in die Freiheit. "Das ist ja irre. Wir sind in Österreich", schreit Regine Kurth. Sekunden später bricht die 37jährige aus Schwerin in den Armen ihrer Kinder zusammen. Hinter ihr drängein hunderte anderer Flüchtlinge durch das wackelige Tor. Sie lachen, sie weinen, sie liegen sich in den Armen. Im Westen appaludieren Urlauber. Die Nachricht von der Flucht hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Freudentaumel und Jubel vermischen sich mit Verzweiflungstränen der Zurückgebliebenen: "Warum hat man uns nicht von dieser Chance informiert", sagt einer in Budapest. Eine Frau fragt skeptisch: "Ob es wohl noch so eine Chance gibt?" Die amtliche Nachrichtenagentur MTI meldete, die Feier an der Grenze sei durch die Massenflucht "gestört" worden. Die ungarische Regierung sprach von einer "groben Grenzverletzung". Otto von Habsburg, unter dessen Schirmherrschaft die Veranstaltung stattfand, sagte: "Gott sei Dank, daß die Laute draußen sind."

Das Tor zur Freiheit ist offen. Eine Mutter schiebt ihre Reisetasche durch. Die kleine Tochter ist schon vorgelaufen. Die ungarischen Grenzbeamten reagieren nicht.
Ein Vater lacht, winkt. Er sitzt mit Frau und Sohn im Kofferraum eines Opel-Kadett: erschöpft, aber glücklich. Ein Österreicher hat die Familie zum Sammellager mitgenommen

Er hat es nicht geschafft
Zwei ungarische Grenzer stellen den jungen DDR-Flüchtling auf einer Wiese - nur wenige 100 Meter vom Fluchttor entfernt. Er hatte nicht geglaubt, daß die Ungarn das Tor für die Flüchtlinge freigeben würden, wollte auf eigene Faust über die Grenze. Die Posten nahmen den Mann mit, ließen ihn aber apäter wieder frei.


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